Mein persönlicher Versuch, die Bibel wieder als Text zu lesen

Ich sammle Bibeln. Das klingt vielleicht wichtiger, als es ist. Auf meinem Regal stehen gut zwei Dutzend Ausgaben, von einer winzigen Taschenausgabe des Neuen Testaments bis zu einer schweren Studienbibel mit Kommentaren, die fast ein Wörterbuch ist. Lange Zeit ging es mir bei diesem Hobby fast nur um das Objekt selbst: den Einband, das Papier, die Typografie. Das Buch als schönes Ding. Doch irgendwann fragte ich mich, wann ich das, was eigentlich drin steht, das letzte Mal wirklich gelesen hatte. Nicht nachgeschlagen. Nicht eine bekannte Stelle aufgeschlagen. Sondern gelesen, wie man einen Roman oder ein Geschichtsbuch liest. Die Antwort machte mich nachdenklich.

Die meisten von uns kennen Bibelverse aus dem Konfirmandenunterricht, aus Gottesdiensten oder aus der Popkultur. Wir kennen die großen Erzählungen. Aber die Schrift als fortlaufenden Text zu erfassen, ist eine ganz andere Sache. Der ständige Zugriff auf Online-Bibeln und Apps mit ihrer Suchfunktion hat mein Leseverhalten verändert. Ich springe. Ich vergleiche Übersetzungen für einen Vers. Ich lese Studienanmerkungen, bevor ich den eigentlichen Absatz zu Ende gelesen habe. Das ist hilfreich, keine Frage. Es ist auch bequem. Aber es zerstückelt den Text in Einzelteile. Ich wollte zurück zu einem linearen Lesen finden. Nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Neugier. Was geht verloren, wenn man nur noch Teile sieht?

Der Plan: Ein Buch wie jedes andere

Ich beschloss, einen Monat lang jeden Abend etwa zwanzig Minuten einfach nur zu lesen. Wie bei einem anderen Buch auch. Ich wählte dafür eine Übersetzung, die mir sprachlich gefiel und die ich nicht für Studienzwecke nutzte, um der Versuchung der Fußnoten zu entgehen. Meine Wahl fiel auf eine moderne, literarisch anspruchsvolle Fassung. Und dann begann ich im Markusevangelium. Nicht, weil es das erste wäre, sondern weil es kompakt und direkt ist. Die erste Hürde war mental: Ich musste den Impuls unterdrücken, bei einer berühmten Stelle wie der Heilung eines Besessenen stehenzubleiben und zu deuten. Ich sollte einfach nur den Erzählfluss aufnehmen.

Nach einigen Abenden geschah etwas Merkwürdiges. Die Handlung, die mir so vertraut schien, gewann eine neue Dynamik. Das schnelle ‘Und sogleich’ bei Markus, das Tempo, mit dem Jesus von Ort zu Ort zieht – das spürte ich plötzlich als Erzählelement, fast wie bei einem Filmdrehbuch. Die Zusammenhänge zwischen den Begegnungen wurden klarer. Die Reaktionen der Jünger, oft unverständig und langsam, wirkten in dieser Abfolge weniger wie einzelne Lehrbeispiele und mehr wie eine durchgängige Charakterzeichnung. Dieser Effekt war für mich neu. Ich hatte Zugang zu einer offiziellen Website wie Bibel offizielle Website genutzt, um Übersetzungen zu prüfen. Jetzt ging es mir nicht um die korrekte Übertragung eines einzelnen Wortes, sondern um den Rhythmus des ganzen Abschnitts.

Die Überraschung lag im Unspektakulären

Die größte Erkenntnis war aber keine theologische. Sie war literarischer Natur. Mir fiel auf, wie viel ‘normales’ Dazwischen es gibt. Reisen. Gespräche am Wegrand. Missverständnisse im Alltag. Diese Passagen liest man selten als Andachtstext. Sie sind nicht spektakulär genug. Aber im fortlaufenden Lesen geben sie der Geschichte Atem und Glaubwürdigkeit. Sie machen die Welt, in der die großen Wunder und Reden stattfinden, erst konkret. Man spürt die Müdigkeit nach einem langen Tag, die Ungewissheit, wohin die nächste Mahlzeit kommt, die allgemeine politische Anspannung als ständigen Hintergrund. Das ging beim stückweisen Lesen völlig unter. Da sprang ich immer zum Höhepunkt.

Ich muss gestehen, dass ich bei den langen Gesetzespassagen im Alten Testament, die ich später versuchte, oft abgeschweift bin. Das lineare Lesen ist anstrengend. Es verlangt Geduld, besonders bei Texten, die nicht für lineare Lektüre im modernen Sinne gemacht sind. Mein Experiment war kein durchschlagender Erfolg. An manchen Abenden war es nur eine Pflichtübung. Aber es hat meinen Umgang mit dem Text grundlegend verändert. Ich habe jetzt mehr Respekt vor seiner Erzählstruktur. Ich vermute, dass viele traditionelle Ausleger diesen Respekt einfach aus der Zeit vor dem Internet mitbringen, in der man ein Buch eben von vorne nach hinten las.

Was bleibt von der Leseübung?

Ich werde nicht aufhören, meine verschiedenen Bibeln und Online-Tools zum Vergleichen zu nutzen. Das ist zu wertvoll. Aber ich habe mir angewöhnt, bevor ich mich in die Details einer Stelle vertiefe, den gesamten Abschnitt, besser das ganze Kapitel, erst einmal am Stück zu lesen. Das klingt banal. Für mich war es das nicht. Es ist die Differenz zwischen dem Betrachten eines Puzzlesteins und dem Blick auf den Teil des Puzzles, der schon zusammengesetzt ist. Man sieht die Farbe und Form des Steins besser, wenn man seine Umgebung kennt.

Für mich als Sammler hat das auch eine ironische Wendung. Die schönste Bibel in meiner Sammlung ist eine große Ausgabe mit Holzstichen. Ich bewunderte sie immer für ihre handwerkliche Kunst. Jetzt blättere ich manchmal einfach darin und lese eine Geschichte zu Ende, nur um der Bilder und des Textflusses willen. Der Sammlungsgegenstand ist wieder ein Buch geworden. Vielleicht ist das die eigentliche Rückkehr. Die Methode ist simpel. Sie kostet nichts. Sie erfordert nur etwas Zeit und die Disziplin, die Suchleiste einmal zu ignorieren. Ob es sich lohnt, muss jeder selbst ausprobieren. Ich war überrascht, wie viel Text ich eigentlich noch nicht kannte, obwohl ich die Verse längst zu kennen glaubte.

Stefanie Jason

Stefanie Jason

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